Shining one corner of the world

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Eine Ecke dieser Welterhellen

nach Von Bernd Bender

[Scroll down for English translation]

Wir leben in Zeiten, in denen wohl nicht nur ich oft das Gefühl habe, in Treibsand zu versinken: Alles ändert sich so schnell, wird immer intensiver und dramatischer, und wir scheinen hin und wieder die Balance zu verlieren. Im Hintergrund unseres Alltags spüren wir alle, so glaube ich, die großen, drängenden Themen unserer Zeit: den Klimanotstand und das Artensterben. Das ist so überwältigend, dass auch ich gerne manchmal meinen Kopf einfach nur in den Sand stecken möchte, obwohl ich weiß, dass es falsch ist.

Akazienzendo ist durch meine vielen Jahre der Praxis am San Francisco Zen Center sehr mit den Entwicklungen buddhistischer Praxis in den USA verbunden. Dort stehen, soweit ich das überblicke, die großen Themen unserer Lebenszeit stärker im Fokus der Praxis, darunter auch Klimanotstand und Artensterben. 2017 gründete David Loy gemeinsam mit anderen Dharmalehrer:innen in Colorado beispielsweise das Rocky Mountain Ecodharma Retreat Center, das sich dem Dialog zwischen Dharmapraxis und Ökologie verschrieben hat. In seinem Buch ÖkoDharma betont David: In einer Zeit, in der es um das Überleben vieler Gattungen geht darunter auch der unseren, homo sapiens – müsse der Buddhismus seine Perspektive auf das kollektive Wohlergehen ausrichten.

Und schon viele Jahre zuvor hat Joanna Macy, die große alte Dame der buddhistisch geprägten Tiefenökologie, betont, dass wir Freude, Dankbarkeit und Enthusiasmus entwickeln müssen, um über die Gefühle der Hoffnungslosigkeit und individuellen Ohnmacht im Angesicht dieser überwältigenden Probleme hinauszugehen. Um dann aktiv zu werden. Joanna Macy schreibt:

Handeln ist keine Last, die wir auf unseren Schultern herumtragen müssen. Sie ist etwas, das wir sind. Die Arbeit, die wir zu tun haben, kann als eine Art Lebendigwerden betrachtet werden. Sie ist mehr als ein moralischer Imperativ, sie ist ein Erwachen zu unserer wahren Natur, ein Freisetzen unserer Gaben.

Das führt mich zurück zur Pflanzung der Hecke. Es war sehr erfüllend zu erleben, wie Menschen bereitwillig Geld spendeten, und die Freude zu spüren, mit der sie das taten. Und es war erfüllend, Ende November in Brandenburg auf einem Feld zu stehen und den Enthusiasmus von zwanzig Menschen zu teilen, die gemeinsam Pflanzen in die Erde brachten.

Selbstverständlich ist das Obersdorfer Heckenprojekt ein kleines Projekt. Dennoch wird in ihm Shunryu Suzukis Satz lebendig, dass ZenPraxis darin bestehe, ,,eine Ecke dieser Welt zu erhellen”.

Niemand kann die ganze Welt erhellen. Auch Shakyamuni Buddha gelang das nicht, und das ist vielleicht auch gut so. Aber das kleine Projekt des Akazienzendo kann vielleicht eine Einladung an andere Dharma-Zentren und Dharma-Praktizierende sein, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten aktiv zu werden.

An der buddhistischen Tradition schätze ich, dass sie sich seit 2500 Jahren immer wieder neu erfindet, um Antworten auf die drängenden Fragen unseres Alltags zu geben – egal, ob wir im antiken Indien, im japanischen Mittelalter oder in der globalen Postmoderne leben. Zugleich bleibt diese Tradition sich aber auch treu, indem sie ihre Antworten aus einem stillen Zentrum der Weisheit und des Mitgefühls heraus entwickelt.

Ich gestehe, ich mag das Wort Mitgefühl nicht so sehr. In traditionellen ostasiatischen Darstellungen wird Avalokiteshvara Bodhisattva, also die Bodhisattva – oder der Archetypus – des Mitgefühls, oft mit 1 000 Armen wiedergegeben. Dabei ist in ihren nach vorne zeigenden Handflächen oft auch noch ein Auge zu erkennen: das Auge der Weisheit.

So wie die Liebe ist Mitgefühl eben mehr als ein Gefühl. Gefühle kommen und gehen. Mitgefühl aber ist eine innere Haltung, ein über das reine Selbstinteresse hinausgehendes Aktivwerden zum Wohlergehen aller Wesen. Joanna Macy schreibt dazu:

Da die Beziehung zwischen dem Selbst und der Welt wechselseitig ist, geht es nicht darum, erst erleuchtet oder gerettet zu werden und dann zu handeln. Wenn wir daran arbeiten, die Erde zu heilen, heilt die Erde uns. Wir brauchen nicht zu warten. Wenn unsere Sorge groß genug ist, um Risiken einzugehen, lockern wir den Zugriff des Egos und beginnen, zu unserer wahren Natur zurückzukehren.  [https://quotefancy.com/joanna-macy-quotes]

Vielleicht ist es vor allem dieses Mitgefühl-in-Aktion, zu dem uns ein Blick auf die US-amerikanische Dharmapraxis inspirieren kann. Wenn wir die Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit gegenüber den drängenden Fragen unserer Zeit erleben, denken wir vielleicht, dass die Handlungen einzelner Menschen oder kleiner Gruppen nicht viel bewirken. Aber erinnern wir uns an das Auge in Avalokiteshvara Bodhisattvas Handfläche: In Buddhas Weisheit gibt es weder „groß“ noch „klein“ und das ist nicht theoretisch gemeint. Jede unserer Handlungen ist so umfassend, dass wir ihre Konsequenzen niemals vollständig überblicken werden.

Menschen haben für ein Heckenprojekt gespendet und diese mitfühlende Handlung hat sie verändert. Andere haben im November einen Tag lang hart auf einem Feld gearbeitet und einen Zendo mit Zuversicht und Freude im Herzen verlassen. Mit dieser Zuversicht und Freude sind sie anderen Menschen begegnet möglicherweise Fremden im Zug, vielleicht Freund:innen und Familienmitgliedern abends beim Erzählen von diesem Tag. Die Zuversicht und Freude haben sich mitgeteilt, der empathische Funke ist übergesprungen und hat auch diese Menschen verändert. Und damit nicht genug, denn auch diese Menschen sind wiederum in weitere Begegnungen gegangen. Mitgefühl, um einen Satz des ZenMeisters Dogen darauf zu beziehen, ist ,,eine Nicht-Spur, die sich endlos fortsetzt.

Ganz konkret und doch nur mit dem Auge der Weisheit zu erkennen.

© Bernd Bender

Zuvor erschienen in Buddhismus Aktuell, Deutschen Buddhistischen Union, Munich, Deutschland. Nachdruck mit Genehmigung des Autors.


Shining one corner of the world

By Bernd Bender

Recorded by Karina Lutz

When Gisela and her wife Charlotte had the idea of planting a hedge in their yard, it immediately seemed like a wonderful suggestion. We talked about making it a project for the whole sangha and “hedged” a plan that eventually made the hedge a reality.

It was very fulfilling to see people willingly donate money and to feel the joy with which they did so. And it was fulfilling to stand in a field in Brandenburg at the end of November and share the enthusiasm of 20 people, who together got the plants in the ground within a few hours.

That joy and enthusiasm were the most important things – besides the hedge, of course – that came out of the project. We live in times when I often feel like I’m standing on quicksand: Everything is changing so fast, becoming more intense and dramatic, and I seem to lose my balance every now and then. In the background of our everyday lives, I think we all feel the big, pressing issues of our time: the climate emergency and species extinction. It is so overwhelming that sometimes I, too, would like to just bury my head in the sand, even though I know it’s wrong to do so.

…we need to develop this very joy, as well as gratitude and enthusiasm, in order to move beyond feelings of hopelessness…

Joanna Macy, the “Grande Dame” of Buddhist-influenced deep ecology, believes that we need to develop this very joy, as well as gratitude and enthusiasm, in order to move beyond feelings of hopelessness and individual powerlessness in the face of these overwhelming problems – and then take action.

Joanna Macy writes, “Action is not a burden we must carry around on our shoulders. It is something we are. The work we have to do can be seen as a way of coming alive. It is more than a moral imperative, it is an awakening to our true nature, a releasing of our gifts.” 

What I appreciate about the Buddhist tradition is that for 2,500 years it has continued to reinvent itself to provide answers to the pressing questions of our everyday lives – whether we live in ancient India, the Japanese Middle Ages, or the global postmodern era. At the same time, this tradition remains true to itself, developing its answers from a quiet center of wisdom and compassion.

Akazienzendo (Acacia Zendo) is very much connected to developments in Buddhist practice in the US through my many years of practice at the San Francisco Zen Center. There, as far as I can tell, the major issues of our lifetime are increasingly the focus of practice–particularly the climate emergency and species extinction. To give just one example, in 2017 David Loy and other dharma teachers founded the Rocky Mountain Ecodharma Retreat Center in Colorado, which is entirely dedicated to the dialogue between dharma practice and ecology. In his book, Ecodharma, David describes a task that he sees facing dharma practice today. Until now, David says, Buddhism has always focused only on individual well-being, but at a time when the survival of many species is at stake – including our own, homo sapiens – Buddhism must shift its perspective to collective well-being. Although I do not share David Loy’s analysis that Buddhism until recently focused only on the suffering of the individual, I believe his basic view of things is highly relevant.

The Obersdorf Hedge Project is a small project. It brings to life Shunryu Suzuki’s phrase that Zen practice consists of “shining one corner of the world.” No one can illuminate the whole world – not even Shakyamuni Buddha succeeded – and perhaps that’s a good thing. But the small project of Akazienzendo can perhaps be an invitation to other dharma centers and dharma practitioners to become active within their own means.

I confess I don’t like the word compassion so much. In traditional East Asian depictions, Avalokiteshvara Bodhisattva, that is, the Bodhisattva (or archetype) of compassion, is often rendered with 1,000 arms. At the same time, in her palms pointing forward, there is often also an eye, the eye of wisdom.

When we work to heal the earth, the earth heals us.

Compassion, like love, is more than just a feeling – because feelings come and go; it is an inner attitude, a being active beyond mere self-interest for the well-being of all beings. Joanna Macy writes: “Since the relationship between the self and the world is reciprocal, it is not a matter of first becoming enlightened or saved and then acting. When we work to heal the earth, the earth heals us. We do not need to wait. When our concern is great enough to take risks, we loosen the ego’s grip and begin to return to our true nature.”

Perhaps it is above all this compassion-in-action that a look at U.S. dharma practice can inspire us to do. In our experience of powerlessness and hopelessness in the face of the pressing issues of our time, we may think that the actions of individuals or small groups do not make much difference. But, to recall the eye in the palm of Avalokiteshvara Bodhisattva: In Buddha’s wisdom, there is no such thing as “big” or “small” – and this is not meant theoretically. Each of our actions is so all-encompassing that we will never fully survey its consequences.

The confidence and joy were shared, the empathic spark jumped over – and changed these people as well.

People donated to the hedge project and that compassionate act changed them. Others worked hard in the field for a day in November and left the zendo in Obersdorf with confidence and joy in their hearts. With that confidence and joy, they met other people – possibly strangers on the train to Berlin, perhaps friends and family members in the evening telling them about that day. The confidence and joy were shared, the empathic spark jumped over – and changed these people as well. And it didn’t stop there, because these people in turn went on to further encounters. Compassion, to refer to a statement of Zen master Dogen, is “a no-trace that continues endlessly.” Quite tangible – and yet only to be recognized with the eye of wisdom. 

© Bernd Bender

Previously published in German in Buddhismus Aktuell, Deutschen Buddhistischen Union, Munich, Germany. Reprinted by permission of the author. Translation by the author.


Recorded by Karina Lutz

Bernd Bender is the resident priest of Akazienzendo (www.akazienzendo.de) in Berlin and has been a Zen practitioner since 1987. He practiced at the San Francisco Zen Center for 18 years, was ordained as a Zen priest in the lineage of Shunryu Suzuki (author of Zen Mind, Beginner’s Mind), and received dharma transmission in 2017. Since 2012, Bernd has been living in Berlin, offering Zen meditation and classes on Buddhist practice. He also lectures, gives secular meditation and mindfulness seminars, and accompanies people on their spiritual paths.

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